Wegsehen

Seit einigen Tagen verfolge ich die Berichterstattung über den Mord an einem Menschen, der einfach nur helfen wollte. Anfangs hatte ich mich schon gefragt, wie so etwas ungesehen passieren kann. Heute las ich dann, dass fast 20 Leute am S-Bahnhof standen und zugeschaut hatten. Die Kinder hatten die Passanten direkt angesprochen, aber die gingen einfach nur weiter.

Unfassbar finde ich das!

Im Prinzip zeigt das doch, dass in diesem Land fast KEINER Zivilcourage hat und sich feige aus dem Staub macht, wenn seine Hilfe erwartet wird. In diesem Fall war die Quote 100%.

100%, oder seien wir gnädig und sagen 99,9%, der Menschen in diesem Land rennen einfach weg, wenn jemand totgeschlagen wird. Oder weil es so schön ist, schauen sie teilweise zu. Ist ja besser als im Fernsehen oder Kino, wenn man mal Live zuschauen kann, wie jemand stirbt.

Woran liegt das? Wenn man die Menschen fragt sagt jeder, er würde eingreifen. Wenn man die Menschen sieht, greift niemand ein.

Mich widert das regelrecht an, da ich mir ein solches Verhalten nicht vorstellen kann, zumal ich in 2 Situationen, zwar schon Jahre her, eingegriffen hatte und es jederzeit wieder tun würde. Das positive Gefühl geholfen zu haben, möchte ich nicht gegen das peinliche Gefühl und schlechte Gewissen nach Untätigkeit tauschen.

Wenn nur die Hälfte eingegriffen hätte und hingegangen wäre, so wäre das Einschüchterungspotential groß genug gewesen, diese Tat zu verhindern.

Und ab jetzt werden noch weniger Menschen helfen, da man nun weiß, dass man dann alleine ist und auf die Hilfe andere nicht zu hoffen braucht.

Dazu kommt die Untätigkeit der Politik. Die Täter sind schon öfter aufgefallen, waren aber noch nicht strafmündig. Aus meiner Sicht müsste man Jugendliche unabhängig vom Alter bei größeren Straftaten wegsperren. Nicht lange und unter psychologischer Betreuung, aber lange genug, dass es reicht, sie zum Umdenken zu bewegen. Egal ob 12 oder 16 oder 18.

Vielleicht sollte sich jeder einfach mal Gedanken machen, was er tut, wenn er in eine solche Situation gerät. Sowohl die Opferperspektive als auch die des potenziell Helfenden sollte dabei zur Vorbereitung auf den “Ernstfall” berücksichtigt werden.

Das könnte schon ein erster Schritt sein, das Wort “Zivilcourage” in unserem Land nicht zur hohlen Phrase verkommen zu lassen.

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