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Filmkritik Shutter Island

da ich doch relativ oft ins Kino gehe (Mittwochstreff lässt grüßen), möchte ich einen neuen Bereich zu diesem Thema hier aufbauen. Sofern es die Zeit erlaubt, werde ich dann zu jedem Film zeitnah berichten.

Letzten Donnerstag haben wir uns den Film Shutter Island im cinemaxx angesehen. Es handelt sich dabei um eine Romanverfilmung von Denis Lehane aus dem Jahr 2003. Kein Geringerer als Martin Scorseses hat sich an das Thema herangewagt und die Kritiken variieren von extrem gut bis total schlecht. Um denjenigen, die den Film noch nicht kennen, die Spannung nicht zu nehmen, habe ich die “verräterischen” Stellen blau markiert. Hier die Bitte, diese Stellen einfach zu überspringen, damit die Spannung beim ersten Sehen bleibt.

Der US-Marshal Edward Daniels (Leonardo DiCaprio) mit Spitznamen „Teddy“ wird 1954 zusammen mit seinem Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) zur „Gefängnisinsel“ Shutter Island beordert, um das Verschwinden einer Gefangenen aufzuklären. Bereits bei der Überfahrt erzählt der wegen Seekrankheit von heftigen Brechattacken geplagte Teddy seinem Partner, dass seine Frau Dolores (Michelle Williams) bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam. Auf der Insel angekommen erfährt man schnell, dass die „Gefangenen“ eigentlich psychisch kranke Schwerverbrecher mit extrem negativer Behandlungsprognose sind. Damit entpuppt sich das Gefängnis dann auch als Krankenhaus mit 3 Stationen mit den Namen A bis C. Die vermisste Rachel Solando (Emily Mortimer) soll ihre 3 Kinder getötet und in einem See versenkt haben. Als der Anstaltsleiter Dr. Crawley (Ben Kingsley) die Cops in deren Zimmer bringt, findet Teddy einen Zettel mit einer merkwürdigen Botschaft und einem Hinweis auf einen Patienten Nr. 67. Da es in der Klinik nur 66 Patienten gibt, vermutet er, dass hier noch ein geheimer Patient untergebracht ist. Es häufen sich weitere Merkwürdigkeiten, wie z.B. dass die vermutete Flucht der Patientin Rachel Solando ohne Schuhe und durch eine verschlossene Tür stattgefunden haben soll.

Die nun folgenden vermeintlichen Rückblenden, die Teddys Einsatz nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland bei der Befreiung eines KZ zeigen, werden im Verlaufe des Films immer lebendiger. Eine unter den eingefrorenen Leichenbergen begrabene Frau und ihr Kind werden in seiner Vorstellung real. Das Kind spricht zu ihm und fragt, wieso er nicht eher gekommen sei. Schweißgebadet wacht er nach diesen Albträumen auf. Daneben erscheint ihm seine verstorbene Frau an den verschiedensten Stellen im Film und in seinen Träumen und spricht mit ihm. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Teddy massive psychische Probleme hat und unter Wahnvorstellungen leidet. Der Tod seiner Frau scheint ihn sehr zu belasten.

Doch wenden wir uns wieder der Handlung zu. Teddy befragt die Mitglieder von Rachels Therapiegruppe nach dem Patient Nr. 67 und es kommt ihm so vor, als wären alle Antworten abgesprochen, als würde die Klinikleitung etwas verheimlichen. Tatsächlich ist die Kooperation des Personals und der Leitung auf einem sehr niedrigen Niveau. Kurze Zeit später wird Rachel unversehrt gefunden und Teddy und seinem Partner präsentiert.

Während die Spannung im Film steigt, verschlechtert sich parallel dazu auch die Wetterlage. Ein Hurrikan zieht auf. Überhaupt arbeitet Scorsese sehr viel mit „sekundären“ Elementen. Auch die Musik passt sich unheimlich gut in Spannung und Intensität an die Handlung an.

Sehr bald erfährt man, dass auch Teddy seine Geheimnisse hat. Während eines Erkundungstrips auf der Insel flüchten die beiden Cops in eine Leichenhalle auf dem Friedhof vor dem Hurrikan und Teddy erzählt seinem Partner, dass er nicht zufällig hier ist. Er habe sich genau diesen Einsatz ausgesucht, da der Täter Andrew Laeddis, der den Brand in seiner Wohnung stiftete,  auf der Insel inhaftiert sein soll.

Die Lage spitzt sich zu, als durch den Hurrikan die Stromversorgung unterbrochen wird und die Patienten fliehen. Es herrscht völliges Chaos und die Cops nutzen die Gelegenheit, den Block C aufzusuchen, wo die besonders gefährlichen Insassen untergebracht sind. Dort trifft Teddy dann auf Laeddis, den Patient Nr. 67, der offensichtlich total verängstigt ist, weil Teddy in geschlagen haben soll.

Teddy wird immer Besessener davon, dass auf der Insel etwas nicht stimmt und hofft auf weitere Hinweise im Leuchtturm der Insel. Als er versucht, den Leuchtturm zu erreichen, fällt sein Partner Aule von den Klippen. Auf der Suche nach seiner Leiche entdeckt Teddy eine erleuchtete Höhle. Dort findet er die „wahre“ Rachel, die sich als ehemalige Psychiaterin ausgibt. Sie erzählt ihm, dass sie hinter das Geheimnis der Insel gekommen sei.  Mit den Patienten würden Hirnoperationen durchgeführt, um deren Verhalten zu steuern, sogenannte Lobotomien. Das gesamte Personal wisse darüber, auch die Wärter und Polizisten. So sei sie geflüchtet und man habe Teddy die falsche Rachel vorgestellt. Außerdem hätte man ihm Medikamente verabreicht in Form von Zigaretten und getarnt als Aspirin, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Er würde nie wieder von der Insel kommen und selbst zum Patienten werden. Im Leuchtturm seien jedoch alle Beweise untergebracht.

So scheint Teddys einzige Option der Besuch des Leuchtturms zu sein. Dort angekommen erhält der Film eine überraschende Wende: Er findet nichts, keine Hinweise auf Lobotomien. Stattdessen wird er von Dr. Crawley und Aule erwartet, der sich als sein Psychiater ausgibt. Ihm wird eröffnet, er sei schon 2 Jahre hier und man habe mittels eines Experiments, eines Rollenspiels seiner eigenen Wahnvorstellung versucht, ihn wieder in die Realität zurückzuholen. Sein Name sei in Wirklichkeit Andrew Laeddis  und ein Anagramm von Edward Daniels. Nach anfänglichen Zweifeln kommt ihm die Erinnerung. Eine seiner Töchter hieß Rachel und seine manisch depressive Frau hatte alle 3 Kinder getötet und im See versenkt. Er selber war alkoholabhängig und hatte die zugespitze Lage zu Hause wohl nicht wahrgenommen. Als er seine Frau und die toten Kinder vorfand, tötete er auf eigenes Verlangen seine Frau und kam so als Patient auf die Insel Shutter Island.

Lt. Dr. Crawley hatte er die Erinnerung wohl schon einmal wieder gefunden, aber durch Wahnvorstellungen verdrängt. So denkt man, wäre der Film am Ende, aber am Schluss sitzt Teddy  mit Aule vor dem Klinikeingang und spricht ihn wieder als seinen Partner an.

Fazit:

Ist das wirklich das Ende? Nun, man kann das so nicht sagen, denn es bleibt eine gewisse Zweideutigkeit zurück. Es könnte also durchaus sein, dass die Experimente wirklich stattfanden, was auch eine Narbe an Teddys Kopf belegen könnte. Vielleicht wollte man ihn durch dieses Rollenspiel nur ruhig stellen. Vielleicht spielt Teddy am Schluss auch nur den Rückfall in die Wahnvorstellung, um den Fall auflösen zu können. Vielleicht springt er auch kurz darauf auf und sagt „April, April“ und wird als geheilt entlassen. Es gibt also viel Interpretationsspielraum.

Besonders gut fand ich die Kameraführung von Robert Richardson, die mit wirklich überwältigenden und düsteren Bildern glänzt. Auch die Musik ist sehr gut gelungen, obwohl keiner der Soundtracks speziell für diesen Film geschrieben wurde. Leonardo DiCaprio brilliert hier in seiner besten Rolle, die ihn endgültig die Bezeichnung „Charakterdarsteller“ verdienen lässt. Die anderen Schauspieler wie z.B. Ben Kingsley wirken neben Leonardo DiCaprio teilweise sogar recht blass. Während des gesamten Films wird man von Teddy „mitgenommen“, d.h. man zweifelt mit ihm, fürchtet mit ihm und dadurch finden selbst eindeutige Hinweise auf ein mögliches Ende keine Beachtung. Genau da kam mir aber ein Déjà-vu, dass mich selbst Tage danach nicht los ließ. Irgendwo hatte ich den Film schon einmal gesehen und bei meiner Suche stieß ich dann auf „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Auch hier geht es um die Wahnvorstellungen eines Insassen in einer psychiatrischen Anstalt. So kommt dann schon die Frage auf: Wurde der Schriftsteller Dennis Lehane durch dieses Werk inspiriert? Das können wahrscheinlich nur die beantworten, die das Buch gelesen haben. Würde ich dem Film eine Schulnote geben, bekäme er von mir eine glatte 2.

Die nächste Kritik wird voraussichtlich über den Film Sherlock Holmes handeln. Da es hier schon unzählige Verfilmungen gibt, bin ich darauf gespannt, was diesen Film von den bisherigen unterscheidet.

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