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Berlin in 5 Tagen im Mai 2018 mit vielen Tipps und Bildern

Berlin in 5 Tagen zu erleben ist nicht einfach. Es gibt so viel zu sehen, dass man auch problemlos 5 Wochen in Berlin verbringen könnte. Selbst die Einwohner Berlins kennen nicht jeden Winkel ihrer Stadt. Mit einer Fläche von fast 892 km² ist Berlin die flächengrößte Stadt Deutschlands. Auch die Zahl der Einwohner ist mit 4,5 Millionen deutschlandweit am größten und innerhalb der EU immerhin noch auf Platz 2 hinter London mit mehr als 8 Millionen Einwohnern.

Man kann in 5 Tagen also nicht alles sehen und nicht alles interessiert jeden. Im April 2013 verbrachte ich 3 Tage in Berlin zusammen mit meinem volljährigen Sohn. Einen ausführlichen Reisebericht findet ihr hier. Anlass dieser Reise war, dass meine volljährige Tochter Berlin noch nicht kannte. Ich bin der Meinung, dass jeder zumindest einmal unsere Hauptstadt besuchen sollte.

Deswegen entschieden wir uns für eine spontane Reise in den Pfingstferien. Ursprünglich wollte ich die Berlinreise mit dem Besuch des DFB Pokalfinales verbinden. Da meine Tochter sich aber eher wenig für Fußball interessiert und die Karten nicht gerade günstig waren, fuhren wir erst am Pfingstsonntag nach Berlin, um bis zum Donnerstag dort zu bleiben. Im Gegensatz zum letzten Besuch, entschied ich mich für die Reise per Bahn. Dies war recht günstig, da meine Tochter im Besitz einer BahnCard 50 ist. Für sie kostete die Hin- und Rückfahrt von Darmstadt im ICE mit Zugbindung gerade mal 44,80 EUR. Daneben wollte ich dieses Mal etwas zentraler „wohnen“ und so fiel die Entscheidung auf das erst in 2016 neu erbaute Hotel „Hampton by Hilton“. Gebucht über booking.com, kostete das Doppelzimmer mit 2 Einzelbetten und Frühstück für die Zeit vom 20.05.2018 bis 24.05.2018 nur 360 EUR. Für Berlin ist das extrem günstig, wenn man bedenkt, dass es sich um die Pfingstferien handelt. Das „Hampton“ befindet sich in nahezu unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz. Man kann die ca. 600 m laufen oder fährt eine Station mit der S-Bahn oder dem Bus. Direkt vor dem Hotel befinden sich zahlreiche Haltestellen.

Geplant hatten wir nicht viel, einzig den Besuch des Deutschen Bundetags mit Vortrag und Aufstieg zur Kuppel. Hier sollte man sich mindestens 3-4 Wochen im voraus online ein Zeitfenster reservieren. Bei Führungen reicht das nicht aus, hier sollte man mindestens 6-8 Wochen vorher buchen.

Natürlich ist es klar, dass man einen Jugendlichen in den wenigsten Fällen für den Besuch von Schlössern, Kirchen, Museen oder Kunstausstellungen begeistern kann. Es sollte ja uns beiden Spaß bereiten. Wer hier also einen Reisebericht mit starkem kulturellen Hintergrund erwartet, sollte besser nicht weiterlesen. Auch das Berliner Nachtleben dürfte einigen zu kurz kommen. Es sollten einfach  5 spannende und interessante Tage werden, an die wir uns beide noch nach Jahren gerne zurück erinnern. Nicht zuletzt sollte dazu auch das tolle Wetter beitragen: Sonne satt für die nächsten 5 Tage bei über 25°C. Ideales Wetter für einen Städtetrip nach Berlin!

Anreise und Tag 1 – Karneval der Kulturen

Damit wir in Berlin noch möglichst viel vom Tag hatten, buchte ich einen frühen Zug. Die Regionalbahn von Darmstadt nach Frankfurt Hbf fuhr bereits um 7:35 Uhr los. In Frankfurt mussten wir in den ICE umsteigen. Dummerweise hatte meine Tochter ihren Personalausweis vergessen. Ich fürchtete schon, dies könne zum Problem werden, aber es stellte sich heraus, dass man auch mit einer Gesundheitskarte mit Lichtbild bestens gerüstet ist. Diese wurde vom Schaffner anstandslos akzeptiert. Auf die Bahn kann man sich bekanntlich ja immer verlassen, deswegen war auch die obligatorische Verspätung nicht zu vermeiden. Erst gab es eine Signalstörung, die ein technischer Mitarbeiter mit Hochdruck beseitigte. Als es dann endlich weiterging, währte das Glück nur ein paar Minuten und wir standen schon wieder. Eine Weichenstörung war dieses mal die Ursache, aber der besagte Mitarbeiter war schon auf dem Weg zu dieser Störung. Dennoch verzögerte sich die Reise so um eine Stunde und der Schaffner verteilte schon vorsorglich vorausgefüllte Beschwerdeumschläge, die man dann am Infoschalter abgeben konnte und mir im Anschluss an die Reise einen Gutschein über 25% des einfachen Fahrpreises bescherten.

Statt wie geplant um 12:30 Uhr, kamen wir erst um 13:30 an, was aber kein Problem war. Der Tag war ja noch lang.

Am Ausgang des Bahnhofes befindet sich die Touristeninformation. Hier erwarben wir die WelcomeCard für 5 Tage. Mit der WelcomeCard kann man nicht nur für eine bestimmte Zeit die Zonen AB oder ABC (inkl. Potsdam) beliebig oft bereisen, man erhält auch ein dickes Heftchen mit zahlreichen Vergünstigungen für Attraktionen in Verbindung mit der WelcomeCard. Da die Stadtzone AB schon recht groß ist, reicht diese meistens vollkommen aus. Für 5 Tage zahlten wir jeweils 36,90 EUR. Dafür kann man 5 Tage beliebig oft mit Bahn, Bus, S- und U-Bahn in Berlin herumfahren. Viele Attraktionen, Museen etc. gewähren zudem einen deutlichen Rabatt beim Vorzeigen der WelcomeCard. So lohnt sich dieses Touristenticket fast immer, da Einzelfahrten deutlich teurer sind.

Weiter ging es mit der S-Bahn zum Hotel. Meine Tochter war sichtlich aufgeregt, denn es war ihr erster Besuch in einer so großen Stadt. Auch wenn wir schon oft in München oder Frankfurt waren, Berlin toppt das alles noch einmal deutlich, besonders das multikulturelle Flair hat es mir hier angetan.

Um 14:20 kamen wir im Hampton an,mussten aber noch eine halbe Stunde in der Lobby warten, da die Zimmer erst ab 15 Uhr fertig waren.Positiv fällt hier auf, dass das WLAN schnell und ausreichend empfangsstark ist. LogIn Daten braucht es auch keine und es funktioniert absolut überall, auch auf dem Zimmer!

Der erste Stock steht im Zeichen der Oberbaumbrücke. Scheinbar ist jede Etage mit einem Wahrzeichen verknüpft.Die Zimmer sind recht großzügig und die dicken Matratzen sehr bequem. An der neuwertigen Einrichtung gab es auch nichts auszusetzen. Am Waschbecken finden sich Seifenspender,

Duschgel, Haarshampoo und sogar Spülung in der großzügigen Dusche, ebenfalls im Spender.Das gefiel mir besser, als die Minipackungen in anderen Hotels, außerdem ist es besser für die Umwelt. Die Einzelbetten sind größer als Standardmaße. Ohne nachzumessen, schätze ich die Breite auf 1,20 m. Die Fenster befinden sich entweder zur Stadt hin mit Stadtblick oder in den Garten mit Gartenblick. Die Begrifflichkeiten sind aber schon sehr geschönt: Stadtblick bedeutet Blick auf die viel befahrene Hauptstraße und Gartenblick bietet Blick in den kargen Innenhof mit etwas Wiese und ein paar Bäumchen die sich noch im Wachstum befinden. Die Fenster sind aber extrem gut gedämmt und von der Straße ist im geschlossenen Zustand nichts mehr zu hören. Eine moderne Klimaanlage gehört ebenfalls zur Ausstattung, genauso wie ein Flachbild TV mit Bluetooth-Schnittstelle. Fürs Smartphone sind oberhalb des Nachttischs sogar 2 USB-Ladebuchsen vorhanden. Perfekt.

Der Tag war noch jung und wir neugierig und hungrig. Schon im Zug fand ich zufällig heraus, dass heute in Berlin der „Karneval der Kulturen“ im Gange war. Hierbei handelt es sich um ein multikulturelles Straßenfest, welches an Pfingsten im Stadtteil Kreuzberg gefeiert wird.Dieses seit 1996 jährlich stattfindende Fest betont die kulturelle Vielfalt und so gibt es eine lange Karawane aus Musikgruppen, vielen Motivwagen, die durch die Straße ziehen, sowohl von deutschen Gruppen, als auch von internationalen Gruppen. Daneben finden sich überall Imbissbuden mit landestypischen Speisen und Getränken und die Straßen sind voll mit Menschen. Mehr als 1 Million Besucher kommen jedes Jahr hierher. Wir stürzten uns in die Massen und ließen uns von der Stimmung mitreißen. Allerdings muss man sagen, es ist extrem voll und der Alkohol fließt in Strömen, besonders bei den Jugendlichen. Schon am frühen Abend sah man die „Bierleichen“ in den Gärten liegen. Überall lag der Geruch von Gras in der Luft. Meiner Tochter wurde das dann doch irgendwann einfach zuviel und wir suchten ein ruhiges Plätzchen, um etwas zu essen. Das fanden wir dann auch etwas Abseits im „Berlin Burger International“. Von Außen wirkt dieser Burgerimbiss ziemlich abstoßend, die guten Bewertungen im Netz, machten mich aber neugierig und tatsächlich aßen wir hier die besten Burger, die wir jemanls gegessen hatten.Im Gegensatz zu hiesigen Schnellrestaurantketten, machen die Burger wirklich satt und das Personal macht den Eindruck, mit Liebe und Spaß bei der Sache zu sein. Es gibt auch vegetarische Burger z.B. den „Halloumi-Burger“ mit Grillkäse. Den fand meine Tochter extrem lecker.

Im Anschluss stürzten wir uns noch einmal ins Getümmel, suchten dann aber die nächste U-Bahn Station, um uns noch auf dem Alexanderplatz umzuschauen.

Heute war Sonntag und dementsprechend wenig los. Hier finden sich gleich eine Menge Sehenswürdigkeiten an einer Stelle, wie der Fernsehturm, die Marienkirche oder die wohl jedem bekannte Weltzeituhr. Sie stellt symbolisch die Welt mit 148 Städten und den dazugehörigen Uhrzeiten dar.

Den Abend verbrachten wir an der Hotelbar. Da ich bekennender Whisky-Liebhaber bin, war das auch die Gelegenheit, das dortige Angebot zu testen. Die Bar ist recht gut bestückt, aber ein Kenner wird mit dem Angebot nicht zufrieden sein. Hier gibt es bessere Alternativen, dazu später mehr.

Tag 2 – Hackesche Höfe – Schifffahrt auf der Spree – Gedenkstätte Hohenschönhausen – Offside Pub – Berlin bei Nacht

Schon unten beim Aufzug findet man im Hampton den Wegweiser zum Frühstücksraum mit Empfehlungen und Angabe der Stoßseiten. Von 6:30 Uhr bis 11 Uhr konnte man heute, am Pfingstmontag, sein Frühstück genießen. Ab 8 Uhr füllt sich der Speisesaal und mit zunehmender Uhrzeit, muss man auch Wartezeiten in Kauf nehmen. Wir starteten um 8 Uhr und hatten keine Probleme, schnell unsere Teller voll zu bekommen. Es gab Rührei mit Speck, Bohnen, Würstchen, verschiedene Brötchen, Wurst und Käse, Joghurt, Müsli UND eine Spezialität: Waffeln.

Diese konnte man selbst zubereiten. Dazu waren 3 Waffeleisen und Teig vorhanden, eine ziemlich coole Idee, wie ich finde.Die Auswahl an Wurst und Käse war allerdings unspektakulär und Lachs war gar nicht vorhanden.

Gut gestärkt unternahmen wir einen Ausflug zu den Hackeschen Höfen. Diese hatte ich vorletztes Jahr schon einmal im Februar im Rahmen einer Fortbildung in Berlin besucht. Aber damals regnete es, doch im Frühling ist ein Besuch sehr empfehlenswert. Diese Wohnanlage, bestehend aus 8 Höfen, wurde im Jahr 1906 eröffnet und sollte eine neue Form des Wohnens einleuten, abseits der viel befahrenen Straßen mit viel Grün, sollte sie den Bewohnern eine Oase der Ruhe bieten. Der Eingang im ersten Hof wurde unter kulturellen Aspekten entwickelt. Heute residiert dort das bekannte Theater „Chamäleon“ in dem ich im Februar 2016 auch schon eine Kabarettaufführung besucht hatte. Damals war es relativ trist, aber nun war das Wetter perfekt. Bei mehr als 25°C gingen wir durch die verschiedenen, denkmalgeschützten Höfe und konnten das Grün bewundern und auch die vielen blühenden Rosen. Die Höfe sind durch Gänge miteinander verbunden und in jedem Hof finden sich diverse Läden und darüber dann die Wohnungen. Wer möchte hier nicht wohnen?Nachdem wir uns umgesehen hatten, ging es weiter an die Spree zum Anleger, um eine Stadtrundfahrt mit dem Schiff zu machen. Die meisten landen dabei bei der Reederei Stern und bekommen sicher eine nette Stadtrundfahrt mit Ansagen vom Band geboten. Ich mag aber eher das Individuelle und informierte mich zuvor, wo ich das geboten bekomme. So erfuhr ich, dass die kleine Reederei Hadynski ebenfalls Stadtrundfahrten anbietet, sogar um 2 EUR auf 10 EUR ermäßigt mit der WelcomeCard. Aber was macht den Unterschied? Die Reederei ist klein und ein absolut Berliner Original, wie man so schön sagt. Auf jedem der Touren gibt es einen Guide. Der kommt aber nicht vom Band, sondern es gibt 3 Sprecher: Andreas, Alexander und Mara. Unser Sprecher hörte auf den Namen Andreas. Andreas macht seinen Job wirklich sehr gut. Er ist bestens informiert und versorgte uns die Fahrt über mit Informationen zu allen Sehenswürdigkeiten, mit Humor, Freundlichkeit und guter Bewirtung. Auch das restliche Personal auf dem Schiff war extrem freundlich und wir fühlten uns pudelwohl, die Stunde verging wie im Flug. Für mich ein absoluter Geheimtipp! Da fällt auch die obligatorische Spende nach der Fahrt nicht schwer.

TIPP: Die etwas andere Stadtrundfahrt auf der Spree bietet die Reederei Hadynski mit Live-Moderation, anstatt Bandansage und dazu auch noch günstiger als bei der Konkurrenz.

Als nächstes wollten wir nach Hohenschönhausen, denn etwas Bildung musste sein.

TIPP: Die Führungen finden zur vollen Stunde statt und für nicht angemeldete Einzelpersonen nur um 11 Uhr und 13 Uhr bzw. 15 Uhr.  Daher sollte man die Anreise auch so einplanen und sich zuvor über die Öffnungszeiten informieren.

Aber wir hatten noch 2 Stunden Zeit, denn die nächste Führung sollte eigentlich um 15 Uhr sein. So besuchten wir im Anschluss den Kunstmarkt an der Museumsinsel. Hier kann man allerlei Kunsthandwerk bewundern und natürlich auch käuflich erwerben: Bilder, Textilien, Schmuck und vieles mehr. Es war recht windig und viele Verkäufer klammerten sich um ihre Marktschirme, damit sie nicht wegflogen. Uns gefiel der Markt sehr gut, da es sich wirklich um einen Kunstmarkt handelt und nicht um einen Markt, auf dem nur Ramsch und Plagiate verkauft werden.

Der Museumsinsel statteten wir auch einen kurzen Besuch ab, allerdings sollten die Museen nur von Außen betrachtet werden. Bei dem schönen Wetter wollten wir die Zeit möglichst im Freien verbringen. Daher verbrachten wir danach noch eine Stunde in einem der Straßencafes an der Spree mit einem Latte Macchiato.

Als wir ankamen, war es kurz vor 14 Uhr und wir mussten nicht lange warten. An Feiertagen findet nämlich auch um 14 Uhr eine Führung statt und wir wurden sofort in den Filmraum bugsiert. Zunächst wurde ein Film über die Geschichte der Haftanstalt gezeigt, der ca. 30 Minuten dauerte. Danach wurden wir in 2 Gruppen aufgeteilt. Es gab 2 Referenten, eine Dame, die mir aber nicht wirklich sympathisch erschien und einen etwas befremdlich wirkenden Mann, der rauchend vor dem Filmraum stand. Irgendetwas in mir sagte mir, dass wir dennoch zu ihm gehen sollten. Ich war ja schon 2013 in Hohenschönhausen, damals mit meinem Sohn und die Führung übernahm ein Historiker. Dieser Mann hier hatte eine Ausstrahlung, die nicht mit der eines Historikers zu vergleichen war. Nachdem sich einige andere auch zögerlich für ihn entschieden, wurden wir etwas „forsch“ begrüßt. Auf einige wirkte das abschreckend, auf mich nicht. Als er sich als Zeitzeuge vorstellte, war mir klar, das wir die richtige Wahl getroffen hatten. Kein Historiker kann das wiedergeben, was ein Mensch in diesem Unrechtsstaat erlebt hat, aber dazu später mehr.

Das Gefängnis selbst war ursprünglich gar kein Gefängnis, sondern eine Großküche. Erst 1951 fand der „Umbau“ zum Untersuchungsgefängnis statt. Aber schon vorher nutzten die russischen Besatzer das Gebäude als Lager für Gestapo- oder NSDAP-Mitglieder, aber auch für viele unschuldige „Staatsfeinde“. Diese mussten später ihr eigenes, unterirdisches Gefängnis, das sog. „U-Boot“ errichten. Die Häftlinge wurden auf grausamste Art und Weise gefoltert, psychisch z.B. durch Isolation und physisch durch z.B. Schlafentzug. Die Feuchtigkeit war so schlimm, dass sogar die Haare der Insassen schimmelten. Es gab „besondere“ Zellen, die so klein waren, dass man darin nur stehen konnte. Andere konnten mit Wasser befüllt werden, so dass ein Gefangener tagelang mit den Füßen im Wasser stehen musste, bis er todkrank wurde. Die Verhöre der sowjetischen Geheimpolizei fanden natürlich nachts statt und selbst Kinder waren dort inhaftiert. Daneben gab es auch eine Art Gummizelle, die den Gefangenen vorenthalten war, bei denen Selbstverletzung drohte. Diese Zelle ist extrem dunkel und man verlor dort jegliches Zeitgefühl. An einigen Stellen der Zellenverkleidung konnte man noch die Spuren von Markierungen durch Fingernägel erkennen, wo Gefangene die Anzahl der Mahlzeiten dokumentierten, um so nicht ganz das Zeitgefühl zu verlieren. Mehrere tausend Häftlinge starben aufgrund der grausamen Folter. Sie wurden in der näheren Umgebung einfach verscharrt.

In den 50er Jahren übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Kellergefängnis.
Anfang der 60er Jahre wurde es dann „humaner“. Die DDR wollte weltweit anerkannt und Mitglied der UNO werden. So gab es offiziell keine physische Folter mehr und es wurde von Insassen eines nahe gelegenen, geheimen Arbeitslagers ein neues Gefängnis gebaut. Es hatte mehr Vernehmungszimmer (120) als Zellen (100). Hier wurde dann „humaner“ gefoltert indem man z.B. alle 15 Minuten geweckt wurde, weil man nicht die korrekte Schlafhaltung eingenommen hatte. Isolation wurde groß geschrieben, so dass ein Gefangener nur Kontakt zu seinem persönlichen „Vernehmer“ hatte. Dies wurde auch als „Zersetzung“ bezeichnet. Das Gefängnis selbst war so geheim, dass selbst der Gefangenentransport dorthin Schleich- und Umwege fuhr, damit die Gefangenen keinen Rückschluss auf die Lage vornehmen konnten.  Die „Vernehmer“ hatten teilweise einen Doktortitel, den sie heute noch tragen dürfen, da dieser nur von der verleihenden Universität entzogen werden kann. Diese gibt es natürlich nicht mehr und an den Inhalt solcher Doktorarbeiten möchte ich gar nicht denken. Vor diesem Hintergrund sehe ich die medienwirksame Entziehung von Doktortiteln wegen Plagiatsvorwürfen bei einigen Politikern mit völlig anderen Augen.

Diese Fakten zu lesen ist eine Sache, es aber in direkter Umgebung zu erfahren, eine völlig andere. Es ist einfach unglaublich und beklemmend, ganz besonders durch die Art und Weise wie Mischa Naue die Greueltäten, die er selber erlebt hatte, detailliert beschrieb. Hier war jeder Zuhörer gebannt bei der Sache. Selbst meine Tochter, die sich bei Vorträgen gerne mal mit dem Smartphone ablenkt, war hochkonzentriert. Anderen konnte man ansehen, dass sie Tränen in den Augen hatten, auch mich bewegte diese besondere Art der Führung zutiefst. Im Vergleich zu meiner ersten Führung, die sich mehr mit den Fakten und den Räumlichkeiten befasste, war dies eine beklemmende, geschichtliche Lehrstunde, welche noch lange in Erinnerung bleiben wird. Besonders Mischa Naue hat dazu beigetragen, der durch seine vielleicht etwas forsche und direkte Art verunsichert, aber einen dann durch seine Erzählweise auf eine unheimliche und unvorstellbare Reise mitnimmt. Er stellte auch gezielte Fragen, wie man sich wohl in der ein oder anderen Situation verhalten würde, so dass man sich lebhaft vorstellen kann, wie man sich als freiheitsdenkender Mensch in einem solchen System gefühlt haben muss. Nach 4 Monaten in Hohenschönhausen und weiteren 4 Monaten im Gefängnis in Naumburg, wurde Mischa Naue sozusagen, mit anderen Häftlingen, an den Westen verkauft und baute sich hier ein neues Leben auf und schrieb ein Buch, welches man dort auch kaufen kann „Gefangen mit Buddha“. Das haben wir im Anschluss auch beide gekauft und signiert bekommen. Das Buch ist so geschrieben, wie ich es erwartet hatte. Ausführlicher als die Führung in einer sehr spannenden Erzählweise, dass man es gar nicht aus der Hand legen kann. So hatte ich es auf der Rückfahrt in einem Zuge durchlesen müssen. Sehr empfehlenswert!

Was mir besonders an ihm imponierst ist, dass er sich niemals vom Staat hat brechen, sich niemals deren Willen aufzwingen lassen, auch wenn das wieder erneute Folter und Schläge bedeutet hatte. So vermag dieser Unrechtsstaat bei ihm zwar physische und körperliche Spuren hinterlassen haben, aber er hat seinen Weg unbeirrt im Westen ohne Grenzen fortsetzen können und kann so auf ein sicher auch schönes und spannendes, bisheriges Leben zurückblicken. Ich weiß nicht, ob ich das auch geschafft hätte. Umso mehr freut es mich, dass ich ihn im Rahmen der „Besichtigung“ kennenlernen durfte.

Nach so einer „Führung“ fiel es uns natürlich schwer, etwas anderes zu unternehmen. Meine Tochter war tief beeindruckt und das Ziel einer politischen Lehrstunde erreicht. Berlin bietet ja nicht nur Spaß und Freude, sondern auch traurige Geschichte und ist der beste Ort, mehr darüber zu erfahren.

Also besuchten wir das an der S-Bahn Haltestelle gelegene Restaurant „Pietschmanns“. Aufgefallen war es mir aufgrund der „Büble“ Marktschirme auf der Terrasse, eines meiner Lieblingsbiere aus dem Allgäu.  Neben Büble-Bier vom Fass, bekommt man hier auch gut bürgerliche, deutsche Küche. Meine Tochter bestellte sich einen Backcamenbertund ich entschied mich für ein Schweinesteak.Das Essen war vorzüglich und besonders der Salat, der im Gegensatz zu anderen Restaurants, zusammen mit dem Fleisch serviert wurde, war super angerichtet. Ein wirklich sehr empfehlenswertes Restaurant!

Nach dem leckeren Essen, machten wir uns zurück auf den Weg ins Hotel. Eine kurze Ruhepause musste sein, außerdem wollten wir noch etwas das Nachtleben erkunden. In meiner Whisky Facebook Gruppe, wurde mir der „Offset Pub“ empfohlen. Eine Whisky-Bar mit mehr als 1000 offenen Whiskys und zahllosen Biersorten.Meine Tochter war anfangs nicht so begeistert, begleitete mich dann aber doch und es gefiel ihr dann dort auch recht gut. Die Getränkekarte ist extrem dick und es sind wirklich bestimmt 1000 Sorten gelistet. So habe ich dann auch einige Tropfen, die ich immer schon einmal probieren wollte, genossen. Dazu natürlich auch süffiges Guinness vom Fass. Für 5 EUR bekommt man auch eine leckere Dr. Oetker TK Pizza (Die Ofenfrische, meine Lieblings-TK Pizza).Um 23 Uhr waren wir dann auch schon wieder im Hotel, meine Tochter war müde und ich wollte noch Berlin bei Nacht erkunden und einige Fotos schießen. Das gelang mir recht gut, wie ich finde.

Tag 3 – Marienkirche – Potsdamer Platz – Panoramapunkt

Gleich in der früh hatten wir einen Termin im Berlin Dungeon. Die Bewertungen sind ja gemischt, wie bei vielen Attraktionen dieses Anbieters. So gibt es daneben in Berlin noch 3 weitere Attraktionen: Das Tussauds, Little Big City und das Aquadom/Sealife. Wir wollten uns nur den Dungeon anschauen. Bucht man alle 4 Attraktionen online, spart man eine Menge Geld, auch mit der WelcomCard bekommt man Rabatt. Für den Dungeon kostete das Onlineticket jeweils 16 EUR. Anstehen mussten wir nicht lange, nach 15 Minuten Wartezeit kamen wir hinein. Die Onlinekarten muss man sich dann dort unter Vorlage der Bestellung selbst abholen. Nach Aushändigung der Tickets wurden wir lapidar darauf aufmerksam gemacht, dass die Floßfahrt und der 12 Meter hohe Indoor Freefall Tower in Wartung seien! Hallo?!? Das hätte man aber auch bei der Buchung anzeigen und den Preis reduzieren können. Ich war schon etwas verärgert, aber vielleicht entschädigte ja der Rest. Dieser bestand aus mehreren Bühnenbildern, die man durchlief, in dem einen jeweils ein Schauspieler interaktiv in eine schreckliche Szene aus der Vergangenheit mitnimmt. So z.B. die Szene, bei der es um einen Metzger geht, namens Carl Großmann, der Menschen ermordete und zu Wurstwaren verarbeitete. So wird man dann in seine Metzgerei geführt, das Licht ausgeschaltet und da ich nicht spoilern will, kommen einige Schockeffekte zum Einsatz. In nahezu jeder Szene, kann es einem passieren, dass man plötzlich eine Hauptrolle bekommt, vor Gericht steht oder gefoltert wird. Gruselig war das alles nicht, eher amüsant und ganz ehrlich, für den Preis würde ich trotz der guten Schauspieler da nicht mehr hingehen.

Im Anschluss wollte meine Tochter eine Shopping Tour machen. Verständlich, denn an den beiden vorherigen Tagen, waren alle Läden geschlossen. Für mich war das allerdings nichts und war froh, meine Laufschuhe eingepackt zu haben. Berlin besitzt viele Grünflächen und keine ist weit entfernt. In meinem Fall war das der Volkspark Friedrichshain. Es handelt sich dabei um den ersten, fürs Volk erschafften Park. Am Wochenende und nach Feierabend, tummeln sich hier viele Menschen. Es gibt Spielplätze, Brunnen, einen See und diverse andere Bauwerke. Der ganze Park ist durchzogen mit Wegen, Treppen, welche teils auch beachtliche Steigungen besitzen. So lief ich die knapp 1000 Meter zum Park und drehte eine Stunde dort meine Runden, bis die 8 km voll fahren. Es war wenig los und so konnte ich in Ruhe den ganzen Park durchlaufen.Danach wollten wir Berlin von oben sehen. Den Fernsehturm kannte ich schon und ich hatte ja in meinem Reisebericht aus 2013 mit meinem Sohn eine Besichtigung unternommen. Der Eintritt ist teuer, die Wartezeit lang, die Sicherheitskontrollen nervig, oben ist es voll und man sieht Berlin nur durch eine Glasscheibe. Eine Alternative kannte ich aber auch nicht. Meine Tochter machte mich am vorherigen Tag aber darauf aufmerksam, dass ein Freund ihr den Panoramapunkt empfohlen hatte. Da die Reise in erster Linie auf die Wünsche meiner Tochter ausgelegt war, sollte uns der heutige Tag also zum Panoramapunkt führen.

Da wir am Alexanderplatz ohnehin umsteigen mussten, kamen wir an der Marienkirche vorbei. Bisher kannte ich sie nur von Außen, so warfen wir einen kurzen Blick in die Kirche.Es soll ja Katholiken geben, die keine evangelische Kirche betreten. Mich stört das nicht, im Gegenteil, ich finde diese recht schnörkellosen, teils auch modernen Kirchen manchmal sogar schöner, als die der „Konkurrenz“. Im 12. Jahrhundert erbaut, handelt es sich dabei um die älteste, noch genutzte Kirche Berlins. Steht man davor und sieht den Fernsehturm an ihrer rechten Seite, ergibt das einen schönen Kontrast zwischen dem ältesten und dem höchsten Bauwerk der Stadt.

Weiter ging es zum Potsdamer Platz. Dieser war in früheren Zeiten das Herz Berlins. Hier spielte sich alles ab, hier befand sich mit das höchste Verkehrsaufkommen Europas, so dass in den 20ern sogar ein Verkehrsturm mit Ampelfunktion errichtet wurde. Wie man sieht, steht er auch noch hier:Tagsüber wurde gearbeitet, abends amüsierte man sich im Bars und dergleichen. Nirgends in Europa war mehr los. Am Ende des 2. Weltkriegs war nicht mehr viel übrig vom Potsdamer Platz und daran änderte sich bis zur Maueröffnung auch wenig. Bis zum Jahre 1990. Menschen in meinem Alter erinnern sich vielleicht an Roger Waters und das größte Konzert der Rockgeschichte „The Wall“, welches sich vom Pariser Platz bis zum Potsdamer Platz erstreckte. Der Potsdamer Platz erfuhr eine markante Renovierung und wurde wieder auf- und umgebaut, nicht ohne die alte Struktur zumindest erahnen zu lassen. Mit der größten Baustelle Europas wurde der Potsdamer Platz wieder eine Nummer 1. Anstatt einem Amüsierviertel, entstanden nun zahlreiche Hochhäuser, wie der Bahn-, Forum- und Atrium-Tower.Der Kollhoff-Tower war unser heutiges Ziel, denn er besitzt den schnellsten Aufzug Europas, mit dem man auf die Dachterrasse zum Panoramapunkt fahren kann. Wie man schon sieht, im Vergleich zum neuen Berliner Flughafen, wurde hier geklotzt und nicht gekleckert. Der Fairness halber muss man aber sagen, dass hier auch verschiedene Gebäude von verschiedenen Bauherren erstellt wurden und so trotz der Größe jede Teilbaustelle im Grunde genommen gar nicht so groß war.

Aber kommen wir zum Kollhoff-Tower. Ich fürchtete, es sei viel los, aber im Mai scheint es trotz schönem Wetter nirgends lange Schlangen zu geben. Wir bekamen gleich unser 7,50 EUR teures Ticket. Beide Tickets waren somit günstiger als ein Einzelticket im Fernsehturm. Das kostet nämlich 15,50 EUR und ohne Wartezeit sogar 19,50 EUR!!! Dazu bekommt man eine sehr schöne 3D Panoramakarte, auf der alle wichtigen Bauwerke verzeichnet sind. Mit dem Aufzug fuhren wir dann in Begleitung in tatsächlich nur 20 Sekunden auf 100 Meter Höhe!!! Aber es ist nicht wirklich unangenehm und erzeugt maximal ein leicht flaues Gefühl in der Magengrube. Oben angekommen, besuchten wir erst das Panoramacafé und gönnten uns Kuchen und einen Latte vom gesparten Geld. Schon hier hat man einen herrlichen Ausblick über Berlin, allerdings noch durch bodentiefe Fenster. Kuchen und Café sind etwas teurer als am Boden, aber sehr lecker und empfehlenswert.Im Anschluss ging es dann ein paar Stufen weiter hoch zur Dachterrasse. Ein hohes Geländer schützt die Besucher. Der Bau ist so konzipiert, dass man auch relativ windgeschützt ist. Wind kann in so großen Höhen schon nervig sein kann. In jeder Blickrichtung gibt es Hinweistafeln und an den Wänden ebenfalls Infotafeln mit viel Informationen zur Geschichte des Potsdamer Platz. Wenn man nach Nachteilen im Vergleich zum Fernsehturm sucht, findet man allerdings 2 kleine Nachteile. Der Bahn-Tower steht direkt neben dem Kollhoff-Tower und ist so hoch, dass er einen Teil der Sicht versperrt, aber er verdeckt nichts wesentliches. Zudem ist die Höhe schon deutlich niedriger als im Fernsehturm. Dennoch ist die Aussicht beeindruckend und dadurch vielleicht sogar besser, da man mehr Details erkennt. Insgesamt würde ich den Panoramapunkt dem Fernsehturm jederzeit vorziehen. Man zahlt weniger, sieht nicht durch eine Scheibe, wird besser informiert, muss weniger lange warte und bekommt für das gesparte Geld leckeren Kuchen im Café.

Im Anschluss sahen wir uns noch ein wenig am Potsdamer Platz um und besuchten auch das Sony Center.Dies ist ein sehr beeindruckendes Bauensemble. Es besteht aus 7 Gebäuden, darunter auch die ehemalige Europazentrale von Sony. Da auch ehemalige, historische Gebäude, wie das Hotel Esplanade integriert und teilweise versetzt werden musste, kostete der Bau 750 Mio EUR!!! Dazu kommt die imposante Dachkonstruktion, die den heiligen, japanischen Berg Fijisan verkörpern soll. Unter dem Dach, inmitten des Gebäudekomplexes, findet sich immer ein ruhiges Fleckchen, wo man die Aussicht auf moderne Architektur genießen kann, mit oder ohne Bewirtung.

Nun wurden wir hungrig und ich schlug vor, nach Schöneberg zu fahren und einen Döner zu essen. Nicht irgendeinen Döner, sondern einen Döner bei Rüyam Gemüse Kebap in der Hauptsraße 133. Da ich beim letzten Aufenthalt im Februar 2016 im daneben liegenden Hotel Schöneberg residierte, kannte ich diesen Dönerladen nur zu gut. Für 3,90 EUR bekommt man einen sehr leckeren Döner, der nicht nach Einheitsdöner, sondern durch seine teils ungewöhnlichen Gewürze tatsächlich auch orientalisch schmeckt!Abends ist hier viel los und obwohl es erst 17 Uhr war, mussten wir fast 30 Minuten warten, bis unser Döner fertig war. Dafür bekommt man kostenlosen Tee, um die Wartezeit zu überbrücken. Alkoholische Getränke gibt es nicht, es war aber kein Problem, sich ein Berliner Weiße Radler im Kiosk nebenan zu besorgen und wieder draußen vor die Dönerbude zu setzen.

Der Abend war noch jung, aber wir waren müde. Viel hatten wir nicht mehr vor und tranken noch etwas in „Alexas Oase“ am Alexanderplatz. Die Bewertungen für diese „Oase“ sind ja ziemlich gemischt und teilweise übel negativ. Wir konnten uns aber nicht beschweren. Wir bekamen sofort unsere Getränke, das Bier war sogar über den Maßstrich befüllt und das Personal war freundlich. So verbrachten wir noch einen netten Abend am Alexanderplatz und beobachteten das dortigeTreiben.

Tag 4 – Holocaust Denkmal – Bundestag mit Kuppel – Eas Side Gallery – Oberbaumbrücke

Der Besuch des Bundestags mit Kuppel war ja bereits schon geplant und ein Zeitfenster reserviert. Vorher schauten wir uns noch das Holocaust Denkmal an. Die fast 6000, quaderförmig aufgestellten Steine, sollen an die 6 Millionen ermordeten Juden erinnern. Das fällt allerdings schwer, was auch einige Kritiker bemerkten. Meiner persönlichen Ansicht nach, wollte der Architekt Peter Eisenman damit eher ein Kunstwerk errichten und das steht für mich auch mehr im Vordergrund. Ein Denkmal stelle ich mir anders vor und so gibt es auch viele Deutungen, was die Steine symbolisieren.Weiter ging es dann zum Bundestagsgebäude. Hier wurde penibel genau geprüft, wer angemeldet war. In einem Containerbau vor dem Reichstagsgebäude fand zunächst die Sicherheitskontrolle statt. Es galt, wieder die Taschen zu leeren und alles in Kisten zum Röntgen zu packen. Zum Glück reichte als Lichtbildausweis die Gesundheitskarte. Da war ich mir nicht wirklich sicher, aber es gab damit keine Probleme oder Rückfragen. Nach einer kurzen Wartezeit wurde unsere Besuchergruppe ins Gebäude geführt. Die Abgabe der Garderobe ist zwingend und danach hieß es wieder warten. Um 13 Uhr kam der Vortragende und wir durften uns auf die Besuchertribüne des Plenarsaals begeben.Der Vortrag selbst dauerte 45 Minuten und war sehr informativ. Man erfuhr etwas zur Sitzordnung, Geschichte des Reichstagsgebäudes und der Bauweise und Funktion der Kuppel. So z.B. wie Sitzungen protokolliert werden, wer wo sitzt, wann die Stühle umgebaut werden, die Geschichte des Gebäudes mit interessanten Hintergrundinfos, den Umzug nach Berlin, warum an der Kuppel so viele Spiegel angebracht sind, wie schwer der Bundestagsadler ist, etc. Besonders beeindruckt hat mich die Transparenz.

Der Plenarsaal ist nach allen Seiten offen, an jeder Sitzung können Normalbürger teilnehmen und fest installierte Kameras übertragen direkt ins Fernsehen. So stelle ich mir gelebte Demokratie vor! Ob es dann wirklich so funktioniert und inwieweit dann doch wirtschaftliche Interessen in der Politik Einzug halten, sei mal dahingestellt. Ich möchte aber an dieser Stelle keine politischen Diskussionen führen.

Nach dem Vortrag durften wir in Eigenregie die Kuppel erkunden. Ein ca. 300 Meter langer, spiralförmiger Weg führt die Kuppel hinauf.Wer möchte, kann sich einen Audioguide ausleihen. Den gibt es sogar kindgerecht mit „Bernd das Brot“. Auch hier erfährt man wieder einiges über die Geschichte Berlins und auch die Kuppel selbst. Die vielen dort angebrachten Spiegel dienen z.B. dazu, den Plenarsaal zu erhellen. Ein fahrbares Sonnensegel verhindert, dass die Abgeordneten im Plenarsaal geblendet werden.

Als nächstes statteten wir der East Side Gallery einen Besuch ab. Es handelt sich dabei um einen etwas über 1 km langen Rest der Berliner Mauer, der von zahlreichen Künstlern sehr schön gestaltet wurde.Die Bilder befassen sich alle mehr oder weniger mit dem Thema Freiheit und DDR.Wir fuhren mit dem Bus zur Mitte der East Side Gallery. Im Vergleich zum letzten Besuch, hatte sich aber einiges verändert. Hinter der „Mauer“ wird fleißig gebaut und man geht auf die Touristen ein, aber im negativen Sinne. Alle paar Meter mussten wir Hütchenspielern ausweichen, die die Touristen abzocken wollten, aufdringliche Straßenmusiker und Händler haben sich hier ebenfalls breit gemacht. Dennoch blieb auch etwas Zeit für das ein oder andere Foto. Das bekannteste Bild ist wohl der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker, der mittlerweile schon ein zweites Mal gemalt wurde. Abgase und Sprayer hatten das ursprüngliche Bild arg ramponiert.

Am Südöstlichen Ende der Mauer befindet sich die Oberbaumbrücke.Diese Brücke wurde nach dem Mauerbau zunächst gesperrt, jedoch Anfang der 70er Jahre für Fußgänger als Grenzübergang geöffnet. Unser Weg führte uns unter die Oberbaumbrücke, um dann nach ca. 80 Metern links in die Schlesische Straße abzubiegen, in der sich das Café „19grams Schlesi“ beindet.Dabei handelt es sich um ein sehr kleines Straßencafé mit nur wenigen Sitzplätzen, man bekommt leckeren Kuchen und Kaffee oder Latte.

Nach einer kurzen Pause im Hotel, fuhren wir zum Alexanderplatz, um im „Mio“ eine Pizza zu essen.Auch hier sind die Bewertungen eher durchwachsen, aber unsere Pizza war sehr lecker und wir wurden auch fix und freundlich bedient.

Tag 5 – Fahrradtour durch Berlin – Abreise

Wir hatten schon länger über eine Radtour durch Berlin nachgedacht. Nur ein paar Stunden sollten es sein. Im Hotel kann man Fahrräder für 12 EUR pro Tag leihen. Darüber hinaus, sind in ganz Berlin Fahrräder verschiedenster Anbieter verteilt. Ein neuer Anbieter nennt sich „OFO“. Dieser Anbieter kommt aus China und ist dort schon sehr erfolgreich im Geschäft. Im Mai hatte er in Berlin 2000 Fahrräder im Gießkannenprinzip an verschiedenen, zentralen Plätzen verteilt. Auch vor unserem Hotel, waren einige der gelben Fahrräder zu finden. Die Farbe ist nicht jedermanns Sache, technisch sind die Fahrräder aber in einem sehr gutem Zustand. Sie besitzen 3 Gänge, einen Nabendynamo, eine vernünftige Rücktrittbremse hinten und auch eine stabile und gut funktionierende Vorderradbremse.Das System ist recht einfach. Man installiert die „OFO“-App und nach Hinterlegung der Kreditkartendaten, zahlt man pro 20 Minuten 80 Cent. Man zahlt also nur soviel, wie man auch tatsächlich fährt. Nach Installation der App, scannt man das Rad über den QR Code oder gibt die Nummer ein. Dann wird das Schloss automatisch geöffnet.PIN-Eingabe funktioniert auch. Ist die Fahrt zu Ende, stellt man das Rad einfach irgendwo wieder ab, loggt das Rad aus und schließt es ab. Ein defekte Rad kann über einen entsprechenden Button in der App gemeldet werden.

TIPP:
Bei der ersten Anmeldung hat man 1 Freifahrt. Ist man mit mehreren Leuten unterwegs, kann man sich per Facebook gegenseitig werben und bekommt so 3 zusätzliche Freifahrten. Die Fahrt kann beliebig lange dauern und ist erst mit dem ausloggen und Abschließen beendet! Wir sind mit dem Rad 4 Stunden unterwegs gewesen, haben bei Pausen das Rad immer im Auge gehabt und so nur 1 Freifahrt gebraucht. Der Tag war somit komplett kostenlos 🙂

So ging es dann los vom Hotel Richtung Alexanderplatz bis hin zum Potsdamer Platz. Ganz ohne Navigation, einfach nach Gefühl. Auf dem Weg machten wir eine kleine Pause am Gendarmenmarkt. Der Platz gilt als schönster in Berlin, was ich nachvollziehen kann, wenn man die Gärten hier nicht mit einbezieht. Am Gendarmenmarkt finden sich das Schauspielhaus, sowie der deutsche und französische Dom. Die Kuppeln sind nahezu identisch und die länderspezifische Bezeichnung ist in der zugehörigen Kirche (Deutsche und Französische Kirche) begründet. Die Kuppel des französischen Doms kann man hinaufsteigen und hat von dort eine sehr schöne Aussicht.

Die nächste Station war der Checkpoint Charlie.Er gilt als bekanntester Grenzübergang vor dem Mauerfall und es gibt zahlreiche Geschichten und Filme darüber. Wer Zeit hat, sollte sich das Mauermuseum anschauen. Hier erhält man einen interessanten Einblick in die Geschichte der Mauer. Daneben gibt es auch eine Freilicht-Galerie mit sehr viel Infos zur Geschichte auf verschiedenen Schautafeln. Das Kontrollhäuschen selber ist eher zum Touristennepp verkommen.Für ein paar Euros, kann man sich mit amerikanischen Soldaten ablichten lassen. Wer’s braucht…

Von hier ging es dann zum Potsdamer Platz. In der Mall of Berlin deckten wir uns mit Getränken und etwas zum Essen ein. Die Fahrt war ziemlich anstrengend. Nur so gemütlich cruisen ist kaum möglich, man wird ständig von allen Seiten von anderen Radfahrern überholt.

Deshalb fuhren wir weiter in Richtung Tiergarten. Der sehr schöne und große Park besitzt ebenfalls eine lange Geschichte. Nach dem Krieg wurde er komplett abgeholzt, da es kaum Holz zum heizen gab, dann als Gemüsegarten verwendet, um Nahrungsmittel anzubauen und später wieder aufgeforstet. Er besitzt zahlreiche, schöne Plätze, wie den Rosengarten, den Neuen See und ist mit über 2 km² auch sehr groß.

Der „Stern“ mit Straßen in alle Richtungen befindet sich mitten in Tiergarten und darin die bekannte Siegessäule. Dass die Siegessäule gemäß ihrem Namen als Denkmal für gewonnene Kriege erbaut wurde, dürfte jedem bekannt sein. Was ich nicht wusste war, dass Hitler die Siegessäule aus strategischen Gründen auf diesen Platz umgelagert hatte und das die französischen Besatzungsmächte als Grund sahen, die Siegessäule komplett abzureißen. Zum Schluss mussten sich die Franzosen mit einigen Tafeln und Reliefs begnügen, die an erfolgreiche Kriege gegen Frankreich erinnerten.

Wie bei vielen Bauten, kann man auch die Aussichtsplattform der Siegessäule besichtigen. Durch die Lage im Großen Stern hat man so einen interessanten Blick auf die verschiedenen Straßenverläufe.

Am Carillon machten wir eine weitere Rast. Es handelt sich dabei um einen im Jahr 1987 gestifteten Glockenturm.Er steht quasi als Gedenkturm für die beiden anderen im Krieg zerstörten Carillons der Parochialkirche und Potsdamer Garnisonkirche. Die Architektur mit den 4 zum Karree angeordneten Granitsäulen ist sehr imposant und so machten wir auch zahlreiche Fotoexperimente. Von hier aus ging es dann noch weiter zum Schloss Bellevue, dem ersten Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten. Es ist aber nicht sein Wohnsitz, wie manche glauben.

Im Anschluss fuhren wir weiter, nahezu durch den ganzen Tiergarten.Im Rosengarten legten wir ebenfalls eine lange Rast ein. Ein sehr schöner Garten, nicht nur für Rosenliebhaber.Danach ging es weiter. Im Park waren viele Rasensprenkler aktiv, manche spritzen auch direkt über die Wege und so kamen wir zu einigen unfreiwilligen Duschen auf dem Weg zum Café am Neuen See.Der neue See ist ein sehr schöner, weitläufiger See, den man auch mit dem Ruderboot befahren kann.Direkt am See befindet sich das Café am neuen See mit einem wunderschönen Biergarten.Es war trotz des schönen Wetter wenig los und so gönnten wir uns eine leckere Biergartenmahlzeit mit einem kühlen Bier dazu. Ein perfekter Ausklang für den letzten Tag in Berlin.Die Räder konnten wir einfach stehen lassen und abschließen. Danach ging es zurück ins Hotel, um das Gepäck zu holen und Richtung Bahnhof. Unser Zug fuhr erst um 17:28 Uhr, so dass wir uns Zeit lassen konnten.

Fazit

Ich war schon einige Male in Berlin. So schönes und warmes Wetter hatte ich aber noch nie.Es war ein perfekter Kurzurlaub. Es war alles dabei, was einen Berlinurlaub ausmacht: Eine Radtour durch die Stadt und den Tiergarten, einen Einblick in die Geschichte in Hohenschönhausen, den Besuch des Deutschen Bundestags, eine Schifffahrt auf der Sprees, Joggen im Park, den Besuch einer kultigen Bar, gutes Essen, ein tolles Hotel und viele Sehenswürdigkeiten. All das bei schönem Wetter ohne einen einzigen Regentropfen lässt uns sicher noch lange zurückdenken und eines ist sicher: Berlin!!! Ich komme wieder!!!